Lesen und Schreiben gehören zu jenen Fähigkeiten, die wir häufig als selbstverständlich betrachten. Wir lernen sie als Kinder, und von diesem Moment an begleiten sie uns beinahe unbemerkt durch unser gesamtes Leben.
Doch Alphabetisierung bedeutet weit mehr, als Worte auf einer Seite erkennen zu können. Sie bestimmt, wie wir Informationen verstehen, wie selbstständig wir Entscheidungen treffen und zunehmend auch, wie sicher wir uns in einer Welt bewegen können, in der uns Informationen schneller erreichen als jemals zuvor.
Trotz enormer Fortschritte bleibt die Herausforderung groß. Laut UNESCO verfügten im Jahr 2024 weltweit noch immer mindestens 739 Millionen Jugendliche und Erwachsene nicht über grundlegende Lese- und Schreibkompetenzen.
Gleichzeitig erreichen vier von zehn Kindern nicht die erforderlichen Mindestkompetenzen im Lesen, während im Jahr 2023 272 Millionen Kinder und Jugendliche keine Schule besuchten.
Diese Zahlen erinnern uns daran, dass die Fähigkeit zu lesen und zu schreiben noch längst keine Selbstverständlichkeit ist. Gleichzeitig führen sie zu einer weitergehenden Frage: Was bedeutet es eigentlich, im Jahr 2026 über umfassende Lese- und Informationskompetenz zu verfügen?
Heute muss dazu zunehmend auch die Fähigkeit gehören, Informationen nicht nur zu konsumieren, sondern sie zu verstehen, zu hinterfragen und einzuordnen.
Wir leben in einer Zeit, in der uns Wissen in einem bislang unbekannten Ausmaß zur Verfügung steht. Ein Smartphone ermöglicht uns innerhalb weniger Sekunden den Zugang zu Informationen, nach denen frühere Generationen vielleicht Stunden oder sogar Tage gesucht hätten. Doch Zugang zu Informationen und das Verständnis von Informationen sind zwei sehr unterschiedliche Dinge.
Soziale Medien, Künstliche Intelligenz und digitale Plattformen haben grundlegend verändert, wie wir Nachrichten, Meinungen und Wissen wahrnehmen. Informationen werden kürzer, schneller und häufig ohne ihren ursprünglichen Kontext vermittelt.
Fakten konkurrieren mit Meinungen, verlässliche Quellen mit Falschinformationen und komplexe Zusammenhänge mit Botschaften, die darauf ausgelegt sind, unsere Aufmerksamkeit innerhalb weniger Sekunden zu gewinnen.
Das bedeutet nicht zwangsläufig, dass die Menschen heute einfach „weniger gebildet“ sind. Die Realität ist komplexer. In Deutschland zeigt beispielsweise die OECD-Studie zu den Kompetenzen Erwachsener, dass die durchschnittliche Lesekompetenz Erwachsener zwischen 2011/12 und 2022/23 weitgehend stabil geblieben ist.
Gleichzeitig hat sich jedoch die Kluft zwischen den stärksten und schwächsten Gruppen vergrößert. Heute verfügen rund 22 % der 16- bis 65-Jährigen in Deutschland nur über geringe Lesekompetenzen, während 14 % die beiden höchsten Kompetenzstufen erreichen.
Deshalb müssen wir unser Verständnis von Alphabetisierung weiterentwickeln. Heute bedeutet sie auch, kritisches Denken zu erlernen und zu fördern.
Diese Fähigkeiten sind nicht nur für Bildung oder beruflichen Erfolg entscheidend. Sie sind eine Grundlage unserer Demokratie. Eine Gesellschaft, in der Menschen zwar lesen können, aber Schwierigkeiten haben, das Gelesene kritisch einzuordnen, wird anfälliger für Manipulation, Polarisierung und Desinformation.
Die Fähigkeit, sich ein eigenständiges Urteil zu bilden, gehört deshalb zu den wichtigsten Kompetenzen, die wir an die nächste Generation weitergeben können.
Auch der Sport kann zu dieser Entwicklung beitragen. Sport lehrt uns, dass Fortschritt Lernen, Reflexion und manchmal auch Korrektur voraussetzt.
Athletinnen und Athleten erhalten ständig Informationen: von Trainerinnen und Trainern, von ihren Mitbewerberinnen und Mitbewerbern, vom eigenen Körper und aus ihren Leistungen. Sie müssen lernen, diese Informationen einzuordnen, hilfreiche Kritik von Ablenkung zu unterscheiden und unter Druck Entscheidungen zu treffen.
Gute Trainerinnen und Trainer sagen jungen Menschen nicht einfach nur, was sie tun sollen. Sie vermitteln ihnen zunehmend ein Verständnis dafür, warum sie etwas tun, und befähigen sie damit, Verantwortung für ihre eigene Entwicklung zu übernehmen.
„Für mich ist genau das ein wichtiger Teil von Bildung. Wir sollten jungen Menschen nicht nur beibringen, Wissen aufzunehmen. Wir sollten ihnen das Selbstvertrauen und die Fähigkeiten vermitteln, dieses Wissen zu hinterfragen, zu verstehen und verantwortungsvoll einzusetzen“, sagt Ann Kathrin Linsenhoff.
Der Internationale Tag der Alphabetisierung reicht deshalb weit über Bücher und Klassenzimmer hinaus.
Alphabetisierung beginnt mit Lesen und Schreiben, doch sie setzt sich fort im Verstehen, im Urteilsvermögen, in der Neugier und in der Bereitschaft, ein Leben lang weiterzulernen.
Denn in einer Welt, in der nahezu jeder Informationen veröffentlichen kann, wird die Fähigkeit, Informationen kritisch aufzunehmen und einzuordnen, wichtiger denn je.
Herzlichst
Ihre