Sudan

Tagebuch über die Süd-Sudan-Reise von Ann Kathrin Linsenhoff

Nehmen Sie Teil an der Reise von Ann-Kathrin Linsenhoff. Wir haben Ihren Reisebericht nach Tagen aufgelistet.

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Tag 1 // 31.05.2005

Das Eintreffen in Nairobi erfolgt ohne Probleme. Die Anspannung steigt. Wie sind die Menschen? Wie ist die Situation? Was kommt auf einen zu? Wir lernen den Communication Officer Ben Parker kennen. Er klärt uns über den Ablauf auf. Wir werden zuerst mit einer sehr kleinen Maschine nach Loki fliegen; dort wartet die erste Hitzewelle auf uns. Dann werden wir weiter nach Yambio geleitet, wo wohl eher tropische Temperaturen vorherrschen. Seit zwei Wochen ist Regenzeit im dortigen Regenwald.

Mit diesen Infos gehen wir ins Bett, denn um 5.30 Uhr ist Wecken angesagt.



Tag 2 // 01.06.2005

Nun geht es los. Um 6 Uhr Treffen und ab zum Flughafen. Nairobi sieht im Morgengrauen nicht sehr ansprechend aus. Die Maschine ist aber in Ordnung und der Flug sogar wunderschön. Man erahnt die Weite des Landes Kenia und wir können einen Blick auf den Mount Kenia werfen. Loki liegt im Norden des ostafrikanischen Landes. Von dort werden alle Aktionen von Hilfsorganisationen in den Süd-Sudan organisiert. UNICEF führt sie seit 20 Jahren mit Lifeline an.

Beim Weiterflug nach Yambio mit einem Zwischenstopp in Rumbek macht die Landschaft einen zunehmend trockeneren Eindruck und die Landebahn ist eigentlich eine Piste mitten im Nichts. Wir sprechen erstmals mit Einheimischen. Der Kontakt entsteht meist über den Fotoapparat. Denn alle freuen sich, fotografiert zu werden und sich dann selbst auf dem Display der Digitalkamera sehen zu können. So auch ein Junge, der uns stolz erzählt, dass er zur Schule geht – schon in die vierte Klasse. Aber er ist auch schon 19 Jahre. Die meisten Kinder und Jugendlichen sind hier „Soldaten“.

In Yambio angekommen ist die Vegetation wieder sehr grün und das Klima feucht-heiß. Es geht über sehr holprige Straßen ins UNICEF-Camp. Leider hat sich alles verspätet und wir treffen den Commissioner nicht mehr an. Dafür lernen wir die dortige Bürokratie kennen: Erst muss man den „Arm für Hilfe" treffen, der einen dann zur Community Chefin bringt – einer ehemaligen Rebellenführerin, eine der wenigen weiblichen Offiziere und nun Bürgermeisterin von Yambio. Da wir zu spät sind, wird das auf morgen vertagt.

Dafür bekommen wir ein Informations-Center zu sehen, in dem sich Jugendliche treffen, um im Internet zu surfen. Täglich über ein Dutzend der Kids nehmen das Angebot an, müssen sich aber nur zwei Computer teilen.

Über das Internet finden sie durch den Krieg verschwundene Freunde oder Verwandte. Den Umgang mit der Technik lernen sie in einem Learning Center, wo es drei weitere Rechner gibt. Auch Mädchen dürfen zu bestimmten Zeiten das Center besuchen. Die Einrichtung scheint für alle sehr wichtig zu sein in der sonst mittelalterlichen Umgebung.

Danach besuchen wir einen in den mittlerweile angebrochenen Abendstunden logischerweise leeren Markt. Es gibt Probleme mit unseren Filmaufnahmen. Dafür bietet sich mir wieder die Gelegenheit, mich mit ein paar Jugendlichen zu unterhalten. Das ist mir fast wichtiger als alles andere, denn nur so bekommt man wirklich ein Gefühl für die Menschen und ihr Leben. Die Jungen haben alle christliche Namen wie Abraham oder Peter und besuchen die Schule. Sie gehen in die vierte bis zur achten Klasse, einer ist sogar in der Sekundarschule. Schulzeit ist von 9 - 15 Uhr. Das Essen bringt man selbst mit oder man kann dort etwas kaufen. Wir lassen den Abend in großer Runde und mit Diskussionen ausklingen.



Tag 3 // 02.06.2005

Treffen um 7.30 Uhr. Wir wandern über sehr schlechte Straßen zu einer Wasserstelle, an der um diese Zeit schon viele Mädchen und Frauen damit beschäftigt sind, Wasser zu holen. Aber an der Wasserstelle wird auch Wäsche gewaschen oder das Fahrrad geputzt. Das ist hier ein Statussymbol – und so wird es auch gesäubert.

Weiter geht es zu einer Schule, die uns sehr beeindruckt. In der Hütte aus Lehm mit einem Schilfdach sitzen rund 30 Schülerinnen im Alter bis zu zwölf Jahren in einer Klasse. Die Lehrerin ist selber gerade 21. Nur sie ist im Besitz von zwei Büchern – eins für Mathematik, eins zum Lesenlernen. Die Tafel erkennt man in dem dunklen Raum kaum. Erst seit vier Monaten existiert diese Schulklasse und auf die Frage, was noch dringend benötigt wird, antwortet die Lehrerin Bücher und – kurioserweise – Schuluniformen. Die Schule war in der Nähe eines Dorfes, denn wenn der Weg zu weit ist, werden die Mädchen von ihren Eltern nicht zur Schule geschickt.

Die nächste Schule, die wir besuchen, ist ähnlich gebaut. Doch hier werden die Mädchen schon seit anderthalb Jahren unterrichtet. So können sie schon ein wenig lesen und schreiben. Was sie uns demonstrieren, in dem sie einfache Holzstöckchen in ihrer Muttersprache und Englisch zählen. Der Lehrer ist 22 und erhält von UNICEF 20 Dollar im Monat Lohn. Das ist nur in den Mädchenschulen so, da Lohn zahlen eigentlich gegen den Grundgedanken, der Hilfe zur Selbsthilfe, von UNICEF verstößt. Der Lehrer nimmt uns mit nach Hause, eine der Schülerinnen ist seine Schwester. Die angeblichen 15 Minuten zu Fuß entpuppen sich als 15 Autominuten. Seine Familie lebt in mehreren Hütten. Die Küche ist überdacht mit einer offenen Feuerstelle. Alles macht einen sehr gepflegten und ordentlichen Eindruck. Die ganze Familie bzw. die Clans leben zusammen. Auch zwei weitere Söhne seien Lehrer gewesen, erzählt die Mutter. Wie alt sie waren, weiß sie nicht genau. Genauso wenig, wie die Anzahl ihrer Kinder. Sie spricht von zehn, acht seien gestorben. Eine Tochter ist HIV-infiziert und liegt in einer Decke eingewickelt an der Feuerstelle. Die Tiere – Ziegen, Hunde und Hühner – laufen alle frei herum. Der Entwicklungsrückstand und der Aufholbedarf im täglichen Leben sind überall spürbar. Das Gespräch kommt wieder auf den großen Bedarf an Lehrern. Die wenigen, die es gibt, sind selbst noch so jung. Ich bin froh, dass sich ein Teil unseres Hilfsprojekts auch der Lehrerausbildung widmet.

Weiter geht es zu Mary Biba, der Bürgermeisterin. Eine besondere Frau, die in der Rebellenarmee gedient hat, was ihre Erscheinung prägt. Da sie selbst Lehrerin war, versteht sie auch die Notwendigkeit, die Mädchen zu unterrichten und verspricht, ihren Teil dazu beizutragen. Ab Mitte Juli wird die neue Regierung gebildet und dann sollen auch „Classes“ kommen. Wir erklären ihr, dass ein Teil davon in die Ausbildung der Lehrer fließen muss. Es kann nicht sein, dass UNICEF diese bezahlt. Darum muss sich der Staat kümmern. Plötzlich ergreift noch ein vermeintlich wichtiger Vertreter das Wort und beschwert sich, dass UNICEF zu wenig macht, aber auch das gehört wohl dazu. Zuletzt spricht ein junger, eloquenter Mann und erinnert an die Bedürfnisse der Jungen, die nicht vergessen werden sollten. Er konnte sehr beeindrucken – mehr von dieser Sorte und um die Zukunft des Landes steht es gut.

Als nächstes steht der Besuch einer Secondary School für Mädchen auf dem Programm. Hier gibt es eine sehr engagierte Direktorin, die ihre 120 Schülerinnen sehr gut fördert – einschließlich Internet-Kurse. Doch auch hier fehlt es natürlich an allem. Trotzdem macht diese Schule im Gegensatz zu den anderen einen sehr fortschrittlichen Eindruck. Die Rektorin macht sich Gedanken, wo die Kinder ihr Abschluss-Examen machen könnten. Denn hier gibt es noch keine Möglichkeit und der Weg nach Uganda ist zu weit.

Unsere nächste Station führt uns zu einer Schule für Mädchen, die aus irgendeinem Grund ihre Ausbildung abgebrochen haben. Sie ist für Mädchen und Frauen bis etwa 25 Jahre – einige sind sogar noch älter. Viele haben ihre Babys dabei. Früher war es den Frauen nicht erlaubt weiter in die Schule zu gehen, wenn sie schwanger waren. Andere Gründe für den Abbruch waren ihre Armut, sie konnten die Schulgebühr nicht mehr bezahlen, Ehe oder weil sie von vornherein nicht hingeschickt wurden, weil Mädchen nicht als intelligent genug betrachtet werden. Und warum sind sie jetzt hier? Sie wollen Vorbild für ihre Kinder sein und sehen die sich daraus ergebenden Perspektiven. Es ist schön zu erleben, wie offen sie darüber sprechen und das sie sogar mittlerweile von ihren Männern unterstützt werden.

Die letzte Station an diesem Tag ist eine Pumpstation, die von den Menschen wie ein Wunder betrachtet wird. Die Frauen müssen 15 Minuten zu einer Wasserstelle laufen. Damit sie sie finden, opfert man ein Huhn.

Der Tag endet mit einem gemütlichen Abendessen bei dem auch Regierungsmitglieder anwesend sind. So auch Mary Biba. Die Gespräche sind sehr aufschlussreich. So erfahren wir viel über den Status der Frauen. Sie dürfen kein Land und kein Geld besitzen. Und dürfen häufig eben noch nicht zur Schule gehen. Denn für eine Frau werden bei der Hochzeit zwischen einer und fünf, aber auch mal 200 Kühe bezahlt. Um wiederum den Söhnen die Ehe zu ermöglichen, werden wieder Kühe gebraucht...

Wen sie heiraten, können sich die Frauen nicht aussuchen. Dagegen haben die Männer auch die Möglichkeit, mehrere Ehen einzugehen. So gelten Mädchen als Geldanlage, die mit der ersten Periode ausgezahlt werden kann.



Tag 4 // 03.06.2005

Heute besuchen wir die Rumbek Primary School. Hier gibt es 1.200 Mädchen, die bis zur achten Klasse unterrichtet werden. Allerdings haben im vergangenen Jahr nur sechs die Schule beendet. Dieses Jahr werden es sogar nur vier sein. Der Direktor der Schule weist noch mal daraufhin, dass ein Zaun, Uniformen, Bücher und Geld für die Lehrer benötigt werden. Der Zaun, weil der Zustand der Anlage sehr zu wünschen übrig ließ. Eine Waschgelegenheit, die nicht überdacht war, ist komplett von Fremden mit Kot kontaminiert worden.

Wir besuchen die 4. Klasse und sprechen mit einigen Schülerinnen. Auch sie unterstreichen die Forderungen des Direktors. Alles in allem machen sie einen sehr wissbegierigen und aufgeweckten Eindruck. Die 26 Lehrer haben leichte Probleme, die 1.200 Mädchen bei unserem Besuch unter Kontrolle zu halten. Einige Klassen werden unter freiem Himmel unterrichtet. Lebensnotwendige Verhaltensweisen werden anhand eines Theaterstücks vorgeführt. Obwohl der Unterricht auf Dinka abgehalten wird, ist er sehr anschaulich.

Heute geht es um Hygiene und damit für uns um Alltäglichkeiten wie Hände waschen vor dem Essen und nach dem Toilettenbesuch. Da im Sudan Durchfallerkrankungen ein großes Thema sind, wird auch in der Schule auf die Dringlichkeit solcher Kleinigkeiten hingewiesen.

Am Nachmittag treffen wir uns mit vier Mädchen, die im vergangenen Jahr in Rumbek ihre Ausbildung abgeschlossen haben und nun die 1. Klasse der Sekundarschule besuchen, ihr Schulweg dauert alleine zwei Stunden. Die Berufswünsche der Mädchen reichen von Pilotin bis zur Ärztin. Ich fand die Situation trotzdem sehr bedrückend.

Einmal wegen des Lehrermangels und weil sie kein Gehalt bekommen. Man kann nur hoffen, dass sich das im Juli mit der neuen Regierung ändert.

Zum anderen ist die Zahl der abschließenden Mädchen frustrierend. Die Tradition der frühen Heirat muss gebrochen werden – und die Sichtweise, Mädchen als Geldanlage zu betrachten, ist inakzeptabel. Aufklärung bei den Familien ist angesagt.



Tag 5 // 04.06.2005

Unser letzter Besuch gilt einer Schule für Dismobilised Soldiers, d.h. Kindersoldaten. 800 Schüler und der Zustand der Schule ist erbärmlich. Die Jungs hier zu sehen, stimmt mich sehr traurig. Die meisten sind traumatisiert und haben außer Schießen keine Sprache gelernt. Sie wurden teilweise sogar mit sechs Jahren schon eingezogen. Moses erzählt uns seine Lebensgeschichte – er kam mit 15 in die Armee. Was er von seinem Alltag als Soldat erzählt, ist für uns einfach unvorstellbar und bestürzend. Er schildert grausame Kampfhandlungen... Jetzt ist er besonders stolz, dass er die Schule beendet hat und Lehrer ist. Danach zeigt er uns noch sein zu Hause. Eine Lehmhütte im Chaos. Die sudanesischen Jungs scheinen die Unordnung genauso zu lieben wie meine Jungs. Darüber müssen Moses und ich sehr lachen. Auf den Besuch einer Latrine hinter Bambusstäben mit Schmeißfliegen verzichte ich dann aber doch...

Schon ist die Zeit zur Heimreise gekommen. In Nairobi treffen wir noch mal den UNICEF-Beauftragten für den Süd-Sudan, Simon. Mit ihm besprechen wir, dass wir gerne die Girls C. School in Yambio unterstützen würden.

Warum haben wir uns überhaupt für den Sudan entschieden? Weil es eines der ärmsten Länder der Welt ist. Nach über 21 Jahren Bürgerkrieg und zwei Millionen Toten ist Hilfe dringend nötig. Seit dem Frieden im Januar wächst die Hoffnung – und die muss durch Hilfe genährt werden. Bildung verschafft den Kindern Perspektiven, die sie bisher nicht hatten. Drei von vier sind Analphabeten. Und die Bildung des Einzelnen hilft der Gemeinschaft, damit dem Frieden im Staat und somit auch der restlichen Welt. Denn die Schere zwischen Reich und Arm darf nicht weiter auseinander gehen. Dafür brauchen die Kinder und Jugendlichen in solchen Ländern eine Chance. Sie sind die Zukunft – und machen im Sudan den Großteil der Bevölkerung aus: 55 Prozent sind hier wegen des Bürgerkriegs unter 18.





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