Kambodscha

Tagebuch einer Kambodscha-Reise von Ann Kathrin Linsenhoff

Nehmen Sie Teil an der Reise von Ann-Kathrin Linsenhoff. Wir haben Ihren Reisebericht nach Tagen aufgelistet.

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Mittwoch
Donnerstag
Freitag
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Mittwoch

Endlich geht’s los. Dabei sind mein Mann Klaus-Martin Rath, meine Freundin Claudia Steigenberger, Reinhard Schlagintweit, Vorstandsmitglied des Deutschen Komitees für UNICEF, die freie Journalistin Susanne Sgrazzutti und Ingrid Karb von der FAZ. Viele Gedanken – was erwartet uns? Was sieht man? Wird es viel Leid sein? Das erste Mal wirklich kranke Menschen – Kinder. Besuche in Krankenhäusern. Das erste Mal die Auseinandersetzung mit AIDS im wahren Leben - nicht nur durch Artikel, Film etc. - und dann bei Kindern… Die Reise verläuft problemlos. 10,5 Stunden Flug nach Bangkok – zeitweise zieht sich der Flug – und dann eine Stunde weiter nach Phnom Penh.

Hier in Phnom Penh werden wir herzlich empfangen, und die ersten Eindrücke prasseln auf uns ein. Zunächst beginnt ein Briefing von UNICEF selbst.

Das Briefing ist wichtig und der erste Kontakt zu den Leuten von UNICEF in Kambodscha. Anwesend ist die Leiterin Dr. Suomi Sakai, japanischer Herkunft, die gerade seit November 2006 in Kambodscha ist; Johanna aus Finnland - eine Praktikantin; Leslie aus USA für Child Protection; Marc aus Frankreich für Pressearbeit, Isabelle aus Frankreich; Haritiana aus Madagaskar, Project Officer HIV/Aids. Jeder beschreibt sein Arbeitsfeld. Es ist wichtig, die Leute vor Ort kennenzulernen, denn so hat man einen direkten Ansprechpartner.

Noch ist alles mit Zahlen gespickt. Wir sind recht müde, aber dennoch hilft die sportliche Disziplin, dem Ganzen zu folgen. Es geht zu einer Bootsfahrt – ich freue mich, da wir dorthin fahren müssen. Auf dem Weg sehen wir Bilder, z.B. habe ich noch nie ein Kind mit einem Wasserkopf gesehen. Auch beeindruckt mich die Art und Weise der Fortbewegung, z.B. sitzt man zu viert auf einem Motorrad – ich wusste nicht, dass dies möglich ist. Die Bootsfahrt auf dem Mekong geht zu einer einfachen Siedlung von Fischern auf dem Wasser. Ich hatte gehört, dass der Mangel an Latrinen ein großes Problem ist – hier konnte man es demonstriert bekommen: 30% der Durchfallerkrankungen könnten durch Latrinen verhindert werden.

Die Fahrt wird von einem sintflutartigen Regen begleitet – jetzt weiß man, was Regenzeit bedeutet, aber die Leute stört das nicht – sie kennen es...

Der Abend bleibt uns überlassen und Herr Rose, der deutsche Küchenchef, verwöhnt uns – noch bekommen wir die kambodschanische Armut nicht mit. Überhaupt stellt man fest, dass die Hauptstraßen sehr ordentlich aussehen, und erst der Blick in die Seitenstraßen spricht eine andere Sprache.



Donnerstag

Heute besuchen wir das National Maternal and Child Health Center in Phnom Penh. Es macht für hiesige Verhältnisse einen sehr guten Eindruck. Das Krankenhaus hat 154 Betten, 27.000 ambulante und 9.500 stationäre Patienten im Jahr, die ca. 4 Tage im Durchschnitt bleiben. UNICEF unterstützt hier die „Prevention of mother to child transmission of HIV” durch Aufklärung, die uns praktisch demonstriert wird. In einem Raum sitzt ein Ehepaar, das ein Kind erwartet. Es wird über richtige Ernährung, HIV-Prävention etc. aufgeklärt. Schön, dass sich beide gemeinsam informieren.

Nebenan sitzt eine Gruppe von ca. 40 Müttern oder Großmüttern mit Babys und Kleinkindern und wird per Video über Stillen, Familienplanung und Kinderernährung informiert. Viele Durchfallerkrankungen entstehen, weil die Großmütter sagen, die Kolostralmilch müsse verworfen werden, und sie geben den Babys Wasser; das Wasser ist ein großes Problem, denn viele Familien haben keinen Zugang zu sauberem Wasser. Die Großmütter haben hier in der Gesellschaft das Sagen, daher ist es wichtig, sie auch bei den Kursen dabei zu haben. Ein anderes Problem stellt der HIV-Test dar, denn es ist ein großes Thema, die Notwendigkeit des Test zu vermitteln. Bei einem positiven Resultat werden diese Frauen mit Medikamenten versorgt, damit HIV nicht auf die Babys übertragen wird. UNICEF unterstützt die HIV-Beratung, die Ausbildung der Berater, die Tests, Beihilfe beim Gehalt für die Berater, Druck der Informationsmaterialien etc. Die meisten Frauen lassen sich nicht testen – ein großes Problem! Diese Art von Aufklärung gibt es noch in 36 Gesundheitszentren und 17 Krankenhäusern in 8 von den 24 kambodschanischen Provinzen. Klar fehlt hier wie überall das Geld, um die Verbreitung noch mehr zu gewährleisten.

Das nächste Krankenhaus ist das National Pediatric Hospital in Phnom Penh, ein Kinderkrankenhaus. Von außen denkt man, warum fahren wir eigentlich hin – wir wollen endlich sehen, wo es fehlt, aber der Schein trügt. Innen ist der Zustand grauenvoll. Die Betten mit Kindern stehen auch auf dem Gang, ein Kinderspielbereich ist voll mit Betten. Man sagt uns, bei einer Epidemie mit Dengue Fieber gibt es hier keinen Platz mehr, und das kommt jetzt auf Grund der Regenzeit. Es fehlt an Matratzen auf den Betten. Der Urin läuft einfach durch. In einem Raum gibt es spezielle Beratung und Behandlung von mangelernährten Kindern. F75 und F100 sind zusammengesetzte Pulver, die die Kinder mit allem abdecken, was sie benötigen. Es kann aber nur hier im Krankenhaus gegeben werden. Auch da stellt sich heraus, dass es ohne Bildung sehr schwierig ist, da den Kindern aus Unwissenheit Dinge zu Essen gegeben oder nicht gegeben werden, die einfach nicht verdaut werden oder die dann essentiell fehlen. Die HIV-positiven Kinder werden nicht isoliert, da es sonst zur Ausgrenzung kommt. Es werden HIV-Tests propagiert und antivirale Medikamente vergeben bei positiver HIV-Diagnose. 751 Kinder waren 2006 im Krankenhaus: 31,5 % Waisen, 37,8 % Halbwaisen, 31,4 % mit Mutter oder Vater mit HIV-Infektion. Wir besuchen einen Raum mit unterernährten Babys und Kleinkindern mit unterschiedlichen Erkrankungen. Für mich nun ein so trauriger Anblick, aber man darf sich nichts anmerken lassen. Ich habe die Gelegenheit, mit einzelnen Frauen zu sprechen.

Besonders betroffen macht mich ein Mädchen mit 2 Jahren und 6,2 kg. Es ist kleiner als der drei Monate alte Bruder, der daneben liegt. Es ist auf dem Weg der Besserung – vorher war es über und über mit Ödemen übersät. Überhaupt diese dünnen Arme und große Augen, die aus dem gebrechlichen Wesen herausstechen. Ein Kind hat zur Unterernährung noch eine Hasenscharte, die aber hier im Krankenhaus behandelt wird. Es gibt zur Zeit ca. 200 Kinder, 120 Krankenschwestern und Ärzte. Ich frage mich: Wie wird das finanziert? 1 Dollar pro Kind pro Tag wird gebraucht. Die Patienten hier können nicht bezahlen.

Es gibt teilweise eine Umverteilung durch Patienten, die bezahlen können bzw. man braucht finanzielle Unterstützung. Die Zustände in diesem Krankenhaus sind desolat – wir bekommen eine Liste mit den Dingen, die fehlen.

Zurück zu den Kindern. Ein Kind liegt apathisch, da hat man das Gefühl, dass es den Tag nicht übersteht. Ein Mädchen von 2 Jahren liegt unbeweglich auf dem Bett. Es wurde an der Bushaltestelle mit 18 Monaten ausgesetzt und ist zusätzlich beidseitig gelähmt. Welch traurige Zukunft! Eine Pflegemutter hat sich ihrer angenommen.

Oft ist auch hier die Großmutter dabei, aber auch manchmal der Mann. Ich hätte nie gedacht, dass hier in dieser Kultur der Mann sich mit den Kindern beschäftigt. Die Geschwister kommen auch mit, aber es ist so, dass diese sich dann selbst ernähren müssen. Logischerweise bekommt nur der Patient seine Ration. Wie geht das? Wie bezahlen die Angehörigen das? Viele kommen aus den Provinzen. Auch hier ist es wichtig, dass die HIV-Tests gemacht werden! Aufklärung, Aufklärung, Aufklärung! Hier in Kambodscha gehen 90% zur Grundschule, 43% erreichen die 6. Klasse, 31% davon gehen zur weiterführenden Schule. Lernen sie? Welche Qualität von Schule? Auch hier in diesem armen Land werden sie im Haushalt gebraucht oder müssen schon Geld verdienen. In den Provinzen ist die Anzahl der zur Schule gehenden Kinder viel geringer!

Ein Besuch beim deutschen Botschafter Pius Fischer frischt uns auf und ist sehr informativ. Selbst eine Art deutsches Essen wie Rindfleisch, Suppe und Schweinelendchen mit Bratkartoffeln wurde uns kredenzt… von einer kambodschanischen Köchin gekocht! Nicht dass mir das gefehlt hat – ich esse sehr gern asiatisch – ich fand es eher skurril!

Danach steht eine HIV-Hotline „Inthanou“ auf dem Programm. Irgendwo in Phnom Penh in einem Wohnhaus im vierten Stock gibt es drei Räume; von dort aus arbeiten neun Berater jeweils für drei Stunden im Wechsel – sieben Stunden am Tag, sonntags ist frei. Der Montag ist der höchst frequentierte Tag („risky behaviour“ etc.). 200 Anrufe am Tag, im Jahr ca. 65.000 Anrufe. 1 Dollar Kosten pro Anruf für das Center.

Ein Computersystem extrem durchdacht von einer französischen Organisation erleichtert durch einfaches Anklicken während eines Anrufs die Bearbeitung und Statistik. Die Anrufe sind anonym und können Kambodscha-weit, wenn Telefon vorhanden, getätigt werden. Ich bin überrascht, wie offen das Thema AIDS besprochen und wie effektiv hier gearbeitet wird! Das ganze System ist sehr erfolgreich, die Nummer der Hotline wird gut verbreitet, am meisten über Mund-zu-Mund-Propaganda. Sogar eine Scheidung konnte verhindert werden. Eine Frau rief an mit dem Verdacht, ihr Mann gehe fremd, aber er wolle kein HIV-Test machen. Unabhängig davon rief der Mann an, und ein Berater überzeugte ihn, einen Test zu machen. Dieser war dann negativ, wie man von der Frau erfuhr. Sie bedankte sich und die Ehe blieb bestehen

Kambodscha wurde 1953 unabhängig von Frankreich. Prince Sihanouk war Landesoberhaupt bis 1970. General Lon Nol übernahm durch einen Putsch die Führung bis 1975. Im April übernahmen die Roten Khmer Phnom Penh und das Land und führten einen radikalen Kommunismus ein. In den nächsten drei Jahren töteten sie 1,7 Mio. Menschen. Das Land ist durch den Krieg gebeutelt und die Infrastruktur zerstört. 1991 wurde eine Friedensvereinbarung unter der Leitung der UN unterzeichnet. 1993 folgten die ersten freien Wahlen. Kambodscha rangiert an Stelle 129 von 177 der Entwicklungsländer und auf der Liste der 10 asiatischen an 8. Stelle. Die Armut ist überall frappierend. Ab 2010 erwartet man hohe Einnahmen durch Offshore Öl und Gasreserven!

Unter dem Regime von Pol Pot wurde nahezu die gesamte Intelligenz Kambodschas vernichtet. Der Leiter des einen Kinderkrankenhauses erzählte– sie waren zunächst 400 Ärzte – es blieben nur 30 Ärzte übrig. Eine ganze Generation fehlt. Er selbst hat sich durch falsche Angaben gerettet und behauptet, er sei Landarbeiter. Da aber die Hände kontrolliert wurden, stand er vor dem Problem: Wie bekommt man schnell Arbeiterhände? Er überlebte auf dem Land als Feldarbeiter.

Die Bevölkerungszahl beträgt ca. 14 Millionen. 1980 waren es nur 6 Millionen. Daher ist die Bevölkerung sehr jung. 34% leben unter der Armutsgrenze.



Freitag

Welch’ ein bewegender Tag. Der Weg führt uns auf’s Land. Kambodscha hat 24 Provinzen. UNICEF ist in 7 Provinzen tätig. Wir besuchen das Provinz-Krankenhaus „Kompong Speu referral Hospital“ der Provinz Kompong Speu. Wir fahren früh morgens los. Viele Menschen sind auf der Straße und fahren zur Arbeit. Unzählige Mofas, Fahrräder, Tuc-Tucs. Das Straßenbild ist bunt, lebendig, chaotisch. Der Weg führt uns an vielen Fabriken vorbei. Viele chinesische Eigentümer produzieren für ausländische Firmen. In Kambodscha werden vor allen Dingen Textilien und Schuhe hergestellt. Der Müll ist überall und man erstickt im Plastikmüll. Das Provinzkrankenhaus ist sehr gut besucht. Eine lange Schlange von Menschen ist zu sehen. Frauen, Männer, Kinder warten. Draußen sitzen einige auf der Bank mit der Infusion in der Hand.

Angeschlossen an dieses Krankenhaus ist ein Gebäude nur für Kinder. Diese Kinderabteilung ist neu und ein Pilotprojekt von UNICEF. Nach diesem Vorbild sollen in den anderen Provinz-Krankenhäusern Kinderabteilungen gebaut werden. Dieses Gebäude wurde durch die Gelder von UNICEF-Deutschland finanziert

In einem Raum sind ca. 20 kranke Kinder auf ihren Liegen begleitet durch Mütter, Väter oder Großmütter. Hier gibt es für mich die erste Konfrontation mit einem HIV-infizierten Jungen. Der Junge ist 10 Jahre alt, seine Mutter ist schon an HIV-Aids gestorben. Der Vater ist auch HIV-positiv – er begleitet ihn. Der Junge liegt auf der Liege und atmet schwer. Die Ärzte haben den Verdacht auf Tuberkulose. Die Ärzte machen einen sehr engagierten Eindruck. Es gibt drei Ärzte für die Kinder und einen zusätzlichen Arzt, der sich in Botswana über AIDS fortgebildet hat. Alle drei Monate kommt ein Spezialist aus Amerika nach Phnom Penh, um spezielle Fragen zu beantworten. Das System scheint mir gut gedacht. Der Anblick des Jungen ist für mich sehr traurig. AIDS bekommt ein Gesicht – natürlich kann man nicht fragen, warum, woher, wieso. Die AIDS-Rate in Kambodscha ist mit am höchsten in Asien mit 1,9% der Bevölkerung zwischen 15 und 45, davon 12.000 Kinder.

Mir fällt auf, dass alle kranken Kinder zusammen liegen. Ob Verdacht auf Typhus, Tuberkulose, Pharyngitis, HIV etc. Es gibt keinen separaten Isolationsraum.

In einem Nebenraum, einem Wartezimmer mit zwei Behandlungszimmern, warten drei Kinder mit ihren Angehörigen. Ein Mädchen und zwei Jungen im Alter von zwei bis 16 – alle HIV-positiv. Die Mütter begleiten sie und sind auch HIV-positiv. Ich darf mit ihnen sprechen, aber eigentlich fehlen mir die Fragen. Sie haben zum Teil einen weiten Weg zum Krankenhaus und nehmen ein Medikament täglich. Teilweise gehen sie zur Schule und sind einfach Kinder. Das Gespräch macht mich traurig. Was gibt es für eine Zukunft: Kinder, die nichts für ihre jetzige Situation können!

Weitere Räume sind zum HIV-Test oder zur Beratung da. Ein besonders großer Raum dient der Möglichkeit für Treffen von Betroffenen zum Austausch und Kraftspenden. Dieses Pilotprojekt hat mich sehr überzeugt – es fehlen noch viele dieser Krankenstationen in den anderen Provinzen, denn der Weg nach Phnom Penh ist zu weit.

Der Weg führt uns weiter zu einem Tempel der Buddhist Leadership Initiative, die durch buddhistische Mönche betrieben wird. Ein paar Verhaltensregeln sind zu befolgen. Die Schuhe müssen ausgezogen werden, und die Füße dürfen nie in Richtung Buddha zeigen im knienden Zustand. Ein Mönch darf nie angefasst werden. Wir wohnen einem Gebet bei. Eine große Gruppe Frauen, Männer und Kinder treffen sich gerade zum Gebet. Die Mönche werden von UNICEF ausgebildet, um HIV-positiven Menschen Halt geben zu können, dies findet teilweise zu Hause im Einzelgespräch oder im Tempel statt. Sie leiten Meditationen an, führen stützende Gespräche oder geben Essen aus, kümmern sich um Waisen und auch um alltägliche Dinge, zum Beispiel, ob die Medizin genommen wird etc.

Die Gelder gehen zunächst an eine Stelle der Bezirksregierung und diese gibt sie den Mönchen. Ich habe Gelegenheit, mit dem führenden Mönch zu sprechen.

Wir lernen, dass man Mönch im Wechsel sein kann – wie praktisch – man muss sich nicht für immer entscheiden. Der Mönch arbeitete erst als Busfahrer und ist seit 7 Jahren Mönch und jetzt Leiter des Tempels. Ein Leiter wird von der Gemeinde vorgeschlagen. Danach dürfen wir einen Einblick in das Leben der Mönche haben – die sogenannte Küche, man ist besonders stolz auf die Toilette, die hier eine Besonderheit darstellt. Das Wasser wird in Tontöpfen aufgefangen zum Kochen, Waschen, Baden. Ich soll sogar ein Bad nehmen. Man hält mir ein Tuch hin, unter dem ich mich irgendwie ausziehen soll, aber ich lehne ab. Eine Nonne, 90 Jahre alt, topfit, zeigt uns alles. Die Nonnen, die hier die häusliche Arbeit machen, warten im Beisein der Mönche auf ihren Tod.

Beim Besuch eines anderen Tempels werden uns die praktischen HIV-Aufklärungs-karten gezeigt – eine sehr pragmatische Demonstration über Prävention von HIV.

Nun besuchen wir eine Familie. Es herrscht unglaubliche Armut – vor einem Haus sitzend eine Großmutter mit ihren acht Enkeln aus zwei Familien. Die Eltern sind an HIV gestorben und sie ernährt die Kinder mit der Herstellung von Palmwedeln. Sie zeigt mir einen Bruch der Hand, auf Grund dessen sie nicht mehr so gut arbeiten kann.

Hier fehlt es überall. Ich sitze mit ihr auf der Matte und unterhalte mich mit ihr – natürlich per Dolmetscher. Manchmal wundere ich mich, dass man diese Sprache überhaupt versteht. Der Mönch thront auf einer erhöhten Bank und macht mit seinem Fotohandy Fotos von der Begegnung – merkwürdige Situation.

Der Abschluss des Tages ist der Besuch eines Reitclubs, der sozialschwachen Kindern die Möglichkeit gibt, einmal pro Woche zu reiten – unterstützt wird das Ganze von Angelina Jolies Organisation „Maddox-Jolie-Projekt“.

Am Abend eine ganz liebe Einladung bei Herrn Thomas - ein herzlicher Kontakt durch Herrn Lederer, Schenker Deutschland. Wir werden so herzlich empfangen, genießen den Abend sehr und lernen etwas über internationale Gastfreundschaft im fernen Kambodscha.



Samstag

Heute besuchen wir ein NGO – Mith Samlanh gehörend zu Friends International. UNICEF Kambodscha unterstützt Mith Samlanh seit 1998. Es werden Straßenkinder und deren Familien unterstützt. Mith Samlanh hat 12 Projekte für Straßenkinder mit Zentren in Phnom Penh, Kompong Speu und Kompong Cham. Es leben in Phnom Penh ca. 40.000 Kinder auf der Straße - die Kinder, die auf der Straße leben und unregelmäßig nach Hause kommen, inbegriffen. Sie sind vielen Gefahren ausgesetzt wie Vergewaltigung, Gewalt, Prostitution etc. Viele trinken, schnüffeln Kleber, sind drogenabhängig oder nehmen Amphetamine. Viele sind auch HIV-positiv und die Zahl steigt. Mith Samlanh kümmert sich um schulische Ausbildung z.B. in einem Jugendzentrum, medizinische Unterstützung, Beihilfe zur Ausbildung z.B. als Automechaniker, Elektriker, Koch, Näherin und Friseurin. Mith Samlanh kümmert sich um Reintegration in die Familien. Mith Samlanh ist eine Untergruppierung der Organisation Friends International, die in Laos, Thailand und sogar mit einem Büro in Frankfurt vertreten ist. Durch das Betreiben von zwei sehr guten Restaurants, Internet Shop, Nagelstudio und eines Second-Hand-Shops können von ihnen ausgebildete Straßenkinder dort beschäftigt werden. Die Einkünfte fließen zurück in den Topf von Mith Samlanh – sehr gut durchdacht – und man demonstriert uns, dass es funktioniert. Zunächst besuchen wir das Jugendzentrum im Boeung Kak Lake. Ca. 30.000 Menschen leben in vergleichbaren Slumvierteln.

Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie soviel Elend und Dreck gesehen. Ich glaube nicht, dass Lebensbedingungen noch schlimmer sein können. Die Menschen ersticken im Müll und Dreck, das ganze Elendsviertel liegt an einem Sumpf, der vor lauter Plastikmüll nicht zu erkennen ist.

Wir kommen an jemandem vorbei, der Eis von Eisblöcken abschlägt und verkauft. Es herrscht insgesamt eine unsagbare Hitze. In dem Jugendzentrum sind ca. 50 Jugendliche eigentlich ab 12 Jahren. Es ist eine lustige Stimmung, da eine Sozialarbeiterin gerade mit ihnen ein Quiz mit Lebensfragen macht.

Wie bekommt man HIV? Wie schützt man sich etc? Die Wände sind voll mit Informationsmaterial. Sehr demonstrativ wird erklärt, wie man Kondome benutzt. Eine Gruppe sitzt in einem anderen Raum – dort wird mit Lernkarten einfacher Unterricht gemacht. Ein Raum dient zur ärztlichen Versorgung, ein anderer zur Beratung – fantastische Einrichtung. Die Kinder sind so positiv in dieser trostlosen Umgebung.

Auf dem Weg zu Familien, die dort leben, kommen wir durch enge Gassen, Schlamm, Dreck, Müll. Bretter führen zu den sogenannten Wohnungen – eigentlich Verschläge. Dafür muss man auch noch Geld bezahlen ($ 15 / Monat). Der Strom kommt von einem illegalen Anbieter, Toiletten gibt es keine und wo das Wasser herkommt – keine Ahnung.

In einem der Zimmer, das letzte eines abenteuerlichen Ganges, besuchen wir eine Frau. Ich ziehe die Schuhe aus und betrete den Raum. Es leben hier eine Frau mit dem Ehemann – beide HIV-positiv - , dem Bruder, der gerade im Sumpfdreck angelt und sieben Kindern. Dem Mann fehlt ein Bein wie so vielen, die wir sehen können. Die Prothesen sind so schlecht. Eine fällt ab und der Mann nimmt sie unter den Arm und läuft ohne weiter.

Die Kinder dieses Ehepaares sind Gott sei Dank HIV-negativ. Mith Samlanh hat ein Ausbildungsprogramm und lehrt die Frauen Nähen. Sie bekommen eine Nähmaschine zur Verfügung gestellt und lernen, einfache Dinge zu nähen, die sie dann wieder verkaufen. Um das Material müssen sie sich selbst kümmern, aber Mith Samlanh nimmt ihnen die Produkte ab. Durch diesen Verdienst kann der Verschlag bezahlt werden, das Essen und die Kinder können zur Schule gehen und müssen nicht auf der Straße arbeiten. Mith Samlanh hat ein Abkommen mit einer Schule getroffen, und die Gebühren sind niedriger und die Schuluniform günstiger.

Also in diesem Raum leben zehn Menschen und vor der Tür badet gerade ein Kind im Müll. Die Frau zeigt mir ganz stolz ihre Produkte. Bei dem Gespräch erfahre ich, dass das Viertel bald evakuiert wird. Unangemeldet kommen Busse, laden die 5000 Menschen ein und laden sie 20 km vor der Stadt wieder aus. Der Tag wird nicht bekannt gegeben, damit sie nicht von der Presse begleitet werden. Ein koreanischer Investor hat das Land gekauft und errichtet eine Wohnsiedlung mit See. Die Regierung duldet diese Zwangsevakuierung. Diese Menschen haben auf dem Land keine Arbeit, lassen die Kinder bei den Großmüttern und gehen in die Stadt zur Arbeit und leben dort auf der Straße, da der Weg zurück zu weit ist. Die Kinder gehen nicht zur Schule, sind vielen Gefahren ausgesetzt, Prostitution, Gewalt, Straßenarbeit etc. Viele sind HIV-positiv in diesem Slum-Viertel wie diese Frau. Mith Samlanh arbeitet mit ihnen einen sogenannten Zukunftsplan für die Kinder aus, solange sie noch leben. Entweder kommen die Kinder zu Verwandten oder zu Pflegefamilien. Die Arbeit des NGOs imponiert mir – sie ist sehr durchdacht und menschlich. Ich besuche noch zwei weitere Frauen mit dem gleichen Schicksal. Das Bedrückende ist das Elend, die Armut und die Hoffnungslosigkeit, es sind doch Menschen, aber auf Grund von ökonomischen Interessen werden sie zwangsumgesiedelt – es kann doch nicht sein, dass bei diesen Summen nicht etwas Geld übrig ist, um eine neue Bleibe für diese Menschen zu errichten. Die Leute von Mith Samlanh imponieren mir. Jung, dynamisch, engagiert, mit dem Herz auf dem rechten Fleck. Mith Samlanh kümmert sich auch um die Anleitung der medizinischen Versorgung oder auch Beratung zum HIV-Test. Die meisten machen ihn leider erst, wenn Verwandte sterben – viel zu spät!

Ich frage mich, was diese Menschen für eine Zukunft haben. Umso wichtiger ist es, sie zu unterstützen, denn sie sind sonst Kriminalitätspotential jeglicher Art oder jeglichen Alters. Es sind zwar viele – manchmal verzweifelt man auch daran – aber trotzdem hilft man einigen. Die Augen der Menschen sprechen immer wieder für sich!

Eine Begebenheit ist noch zu erwähnen. Hinter uns klingelte ein junges Mädchen in strahlend weiß gekleidet. Man fragt sich sofort: Welcher Arbeit geht sie nach und wo in dieser Umgebung hat sie die Sachen so weiß bekommen.

Wir gehen an einem kambodschanischen Eiswagen anderer Art und Weise vorbei, aber die Freude der Kinder am Eis ist wie überall. Dennoch stellt man sich die Frage, aus welchem Wasser es gemacht wird!

Es zeigt sich, dass trotzdem die Bildung Grundlage für die Bekämpfung vieler Missstände ist. Sei es Hygiene, HIV-Prävention, Umwelt... Denn dieser viele Plastikmüll, der einfach überall hingeschmissen wird, verlangt dringend nach einem Umweltprogramm. Es gibt wirklich viel zu tun!!!

Abends fliegen wir nach Siem Reap.



Sonntag

Nun der letzte Tag. Morgens treffen wir Studenten des Professors Leisen, die sich um die Restaurierung des Reliefs des Angkor Wat kümmern. Eine Arbeit, die durch Sponsoren und das Auswärtige Amt unterstützt wird. Der Angkor Wat gehört zur größten Tempelstadt der Welt und ist sehr beeindruckend. Hier in Siem Reap ist das Bild schon sehr touristisch und anders als in Phnom Penh.

Nachmittags besuchen wir das CWCC Cambodian Women’s Crisis Center. Es handelt sich um ein Frauenhaus, das Frauen mit ihren Kindern aufnimmt. Die Jungs ab 10 werden an ein anderes NGO vermittelt. Es gibt dieses NGO seit 1997 und man kümmert sich um die Ausbildung der Mütter und Kinder, Gesundheit, psychologischen Beistand sowie Rechtsberatung. Es leben hier Frauen, die Opfer von häuslicher Gewalt oder Vergewaltigung wurden. Auch kümmert man sich auf Wunsch um die Reintegration in die Familie.

Zur Zeit leben hier 15 Frauen und über 40 Kinder. Eine sehr engagierte Leiterin führt uns durch das gepflegte Haus. In einem Raum bekommen die Kinder gerade Unterricht, in einem anderen bekommen die Frauen Unterricht im Nähen, um sich dann damit Geld zu verdienen. Auch eine Kochausbildung ist möglich. Die Kinder machen einen glücklichen Eindruck. Sie spielen, lachen – einfach schön!

Männer dürfen ihre Frauen nicht besuchen, nur im allgemeinen Büro in der Stadt unter Beisein der Leiterin. Besonders fällt mir bei dem Gespräch mit drei Frauen, die ihre Kochausbildung machen, ein verstörtes junges Mädchen auf. Es ist 15 Jahre, erst kurz hier im Frauenhaus und wurde vergewaltigt. Die Augen, die verkrampften Hände sprechen Bände. Die Frauen sind sehr mitgenommen von ihren Erlebnissen. Ich darf mit einer 40-jährigen Frau sprechen, die seit 4 Wochen im Frauenhaus lebt. Ein Dolmetscher (Mitarbeiter Mister Man von UNICEF) und Ingrid, die Journalistin, dürfen dabei sein, da es sonst zuviel für die Frau ist. Sie ist Opfer von Gewalt durch ihren Ehemann – dazu später! Ich beginne das Gespräch zunächst, indem ich von meinen Kindern erzähle, wie viele, wie alt, wie viel Jungs und Mädchen. Unter Müttern tauschen wir uns aus. Sie hat sieben Kinder – zwei Kinder leben hier, zwei bei ihrem Bruder, der selbst fünf Kinder hat, der Rest ernährt sich selbst?! Man bekommt nicht heraus, wie, aber sie seien alt genug – der Älteste 21.

Plötzlich fängt sie an und erzählt, dass ihr Mann sie immer wieder geschlagen hat, vor allem in betrunkenem Zustand. Sie zeigt mir die Narben. Die Kinder schlug er auch. Jetzt fängt sie bitterlich an zu weinen – die Erinnerungen – sie erlebt alles wieder. Ich fühle mich so traurig, denn ich kann ihr nicht helfen. Sie erzählt von Selbstmordgedanken und ist so traurig. Der Grund des Schlagens, meinte sie, sei Eifersucht – zum einen auf ihre Arbeit – sie verkaufte Fisch auf einem Markt – und zum anderen, weil der Ehemann glaubte, sie habe ein Verhältnis. Auch auf dem Markt hatte er mit einem Stock die Kunden bedroht, damit sie nicht bei ihr kauften. Er hat das Haus, in dem sie lebten, verkauft und lebt nun bei der Mutter.

Der Bezirksvorsteher hat sie an das Frauenhaus weiter verwiesen. Ich finde es gut, dass CWCC mit den örtlichen Behörden, auch der Polizei zusammenarbeitet. In der Zukunft möchte sie einen kleinen Stand am Markt haben, an dem sie ihre selbstgekochten Speisen verkaufen kann. Sie hat Gott sei Dank wieder Pläne!

Es war für mich das belastendste Gespräch der Reise abgesehen von dem Gespräch mit dem HIV-infizierten Jungen in dem Provinzkrankenhaus und den HIV-infizierten Müttern in den Slums von Boeung Kak Lake. Die Eindrücke sind zur Zeit in mir – ich träume viel und Gott sei Dank habe ich meinen Mann, mit dem ich sprechen kann.

Die Eindrücke in Deutschland zu vermitteln, wird schwer sein, denn so viel Elend und traurige Schicksale lassen sich schwer in Worte fassen, aber das ist nun meine Aufgabe.





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