Deutscher Berufsreitertag lockt 750 Besucher auf den Schafhof
Die Bundesvereinigung der Berufsreiter hatte zum Jahrestreffen geladen – und alle kamen. Darunter so prominente Namen wie Heike Kemmer, Wolfgang Brinkmann, Holger Schmezer oder George Theodorescu. 750 Gäste – das übertraf alle Erwartungen.
Am ersten Tag gab es einen Fachkongress zum Thema „Der Weg von S bis zum Grand Prix“ im Glashallenpalais des Offenbacher Architektur-Hotel „Achat Plaza“. Eröffnet wurde der Fachkongress von Klaus Martin Rath, ehemaliger Deutscher Meister und mehrfacher Champion der Berufsreiter. Der Ehemann und Trainer von Ann Kathrin Linsenhoff formulierte sein klares Bekenntnis zur klassischen Ausbildung. Man müsse Pferde behutsam ausbilden und dabei vor allem Geduld üben. Man bekäme das von seinem Pferd immer zurück. Die Skala der Ausbildung sei richtig, vor allem um das Pferd entsprechend besser zu gymnastizieren. Je losgelassener und je gerittener das Pferd, desto dauerhafter seien Freude und der Erfolg bei Pferd und Reiter. Rath dazu weiter: „Ein Pferd soll aus Losgelassenheit und Durchlässigkeit die Lektionen gehen.“ Man sehe aber heut zutage viele Pferde mit hohem Stressfaktor in der Piaffe. Das sei aber unnötig, weil es eben anders geht – mit der klassischen Ausbildung.
“Stress ist das Schlimmste was es gibt für ein Pferd“, pflichtete ihm einer der vielen prominenten Gäste bei. Es war der über 80-jährige George Theodorescu, der legendäre Pferdeausbilder. Aus ethischer Sicht gab Theodorescu zu bedenken: „Das Pferd ist das einzige Tier auf Erden, das dem Menschen stehend direkt ins Auge schaut. Kein anderes Tier tut das.“ Die Zuschauer waren angetan und spendeten überwältigenden, lang anhaltenden Applaus.
Dr. Michael Siebert - u.a. Betreuer der britischen Olympionikin Emma Hindle - referierte über „Kraftentwicklung, Kraftübertragung und Beweglichkeit“, die bei der Ausbildung zum Grand Prix Pferd aus medizinischer und gesundheitserhaltender Sicht von Bedeutung seien. Welche Belastungen auf ein talentiertes Dressurpferd zukommen, verdeutlichte er mit folgendem Beispiel: Die Belastung der Fesselgelenke bei einer Diagonale starker Trab entspricht der eines gesamten L-Springparcours.
Den Erkenntnissen aus seiner Arbeit entsprechend empfahl er, talentierte Pferde erst nach Ende ihres Längenwachstums mit Beginn des sechsten Lebensjahrs „stressfrei“ und behutsam in Richtung stärker versammelnde Aufgaben auszubilden. Seiner Ansicht nach müsse dabei die Skala der klassischen Ausbildung „als logische Konsequenz der anatomischen und biomechanischen Zusammenhänge des Pferdeorganismus“ verstanden werden. Leider werde dieser Ausbildungsleitfaden heute zuweilen ignoriert. Deswegen sei es für ihn kein Wunder, wenn einige Pferde sich nicht in der von ihnen behaupteten Ausbildungsphase „Grand Prix“, sondern de facto erst auf L-Niveau befänden.
Am zweiten Tag ging es dann zum praktische Teil nach Kronberg. Und so fanden sich die vielen hundert Gäste auf dem Schafhof ein. In der Reithalle wurden noch Tribünen und draußen auf dem Trainingsviereck ein verglastes Gastronomiezelt aufgebaut, um dem Besucheransturm auch ein schönes Ambiente ermöglichen zu können.
An diesem Tage wurden in der Praxis der klassische Ausbildungsweg talentierter Pferde zwischen sechs und zehn Jahren unter dem Reiter und an der Hand demonstriert. Präsentiert wurde der vierbeinige Nachwuchs auch von reiterlichem Nachwuchs: Jessica Werndl, Benjamin Werndl und Matthias. Angeleitet und fachlicht kommentiert wurden die jungen Europameister von Klaus Martin Rath. Die großen Leistungen der Ausbildung an der Hand zeigte Hans Riegler. Der Oberbereiter der „Spanischen Hofreitschule Wien“ war eine der Zugnummern dieser hochkarätigen Veranstaltung und bewies auch wortgewandt mit „Wiener Schmäh“ sein Können.
Als „Sternstunde“ dann zum Abschluss Ann Kathrin Linsenhoff mit ihrem „Sterntaler“: Locker und mit Freude an den Lektionen präsentierte sich ihr Paradepferd und begeisterte die anwesenden Profis mal wieder mit lehrbuchreifen Piaffen und Passagen, kadenzierten Traversalen sowie mit raumgreifenden, aus der Hinterhand entwickelten schubkräftigen Trabverstärkungen. Mit ihrem Können und dem ihres Pferdes sowie ihrem großem Charme zeigte Linsenhoff, wohin der Weg von S bis Grand Prix mit der klassischen Ausbildung erfolgreich gehen kann: bis an die Spitze.
Als Sternstunde erwies sich dann auch, als die großzügig bewirteten Gäste anschließend auch ebenso großzügig für „Sterntalers“ Namenspaten spendeten: 9.354 Euro kamen beim Mittagessen für die Ann-Kathrin-Linsenhoff-UNICEF-Stiftung zusammen – alle Referenten hatten dafür sogar auf ihr Honorar verzichtet.



